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Das Zauberkästchen

Das Zauberkästchen

Inmitten von New York lebte ein kauziger Alter im neunundneunzigsten Stock eines Wolkenkratzers. Weil der aus einer einsamen Bergregion stammte, hatte er sich die Vorliebe für das Ursprüngliche bewahrt und seine Wohnung mit alten Balken und Brettern so urig verschalt, sodass er sich wie ein einfacher, armer Mann in einer Blockhütte fühlen konnte. Es war nicht ungewöhnlich, wenn der Alte mit einem Bündel Bretter in den Lift stieg und nach oben fuhr, er tat dies häufig und schon seit einigen Jahren. Zu arbeiten, um sein Brot zu verdienen, brauchte der Junggeselle nicht. Er hatte finanzielles Glück gehabt, zur rechten Zeit die richtigen Aktien erworben und war damit sehr reich geworden, doch gönnte ihm sein Geiz nur das Allernötigste.
Eines Tages, als er bei einem Altwarentrödler nach einer Petroleumlampe stöberte, entdeckte er ein Holzkästchen, das weder schön noch hässlich war und das ihm wegen seiner Unscheinbarkeit ins Auge fiel. Der Mann bezahlte den bescheidenen Preis und nahm es mit einer angerosteten Ölfunzel nach Hause.
Mittlerweile war seine Behausung fertig gestellt und immer seltener ward nun der Mann außerhalb seiner vier Wände gesehen. Meist saß er vor dem verhangenen Fenster, das sehr spärlich Licht hereinließ und nur einen winzigen Spalt den Blick freigab, hinüber zu den beiden Türmen des Word Trade Centers. In einem bequemen Sessel, neben sich den unermüdlich schnäbelnden Papagei, las er im Zwielicht der Petroleumlampe die tägliche Zeitung. So war er zufrieden mit sich und der Welt.
Eines Tages griff sich der Alte das Kästchen, um einige Münzen hineinzulegen. Doch in dem Augenblick da er es öffnete, vernahm er eine Stimme, die sprach:
»Große Vögel schießen in den Tower – Feuer sprüht – krachend stürzt die Mauer!« Bleich geworden vor Schreck und mit zittrigen Händen stellte er die Schatulle ins Regal zurück. Tage vergingen, ehe der Mann den Mut fasste, um erneut das Holzkästchen zu öffnen:
»Krieg wird sein im Morgenland und Brände zieh'n durchs Vaterland!« Und auch beim dritten Mal kam keine gute Nachricht aus dem Kästchen:
»Wer Unglück über Völker bringt, dem Schicksal in die Hörner springt!«
Zutiefst beunruhigt wollte der Mann es erneut versuchen, ob nicht doch einmal eine gute Nachricht zu entlocken wäre und klappte wiederum den Deckel hoch:
»Gebirge von Schulden türmen sich auf, der Zerfall nimmt seinen Lauf!« Und der Papagei wiederholte krächzend:
»Der Zerfall nimmt seinen Lauf.«
Verunsichert suchte der Alte wieder Rückhalt in seiner Zeitung, was ihm auch half. Und wenn es in der Presse gelegentlich rumorte, war das Geschehen ja weit weg:
»Auf der Achse des Bösen«, wie sein Präsident das Teil seines Fahrgestells beim Namen nannte – im Morgenland, dem Schatzhaus der Erde – dort lebe seit langer Zeit so ein Bösewicht, der schreckliche Waffen besäße, um auch das große Amerika zu vernichten. Man müsse dem zuvorkommen und das Land dieses Feindes zerstören. Der Alte schüttelte ungläubig lächelnd den Kopf, weil er das nicht ernsthaft glauben konnte und er war deshalb nicht besonders beunruhigt. Wer denn in dieser Welt besäße mehr und schlimmere Waffen und größere Macht als sein eigenes Land?
Aber jener Feind sei unermesslich reich an Erdöl, hatte er weiter gelesen. Und darauf gelte es Einfluss zu gewinnen, dies wäre neben Strategiegewinn und Waffengeschäft der wahre Beweggrund der öl- und waffenverwandten Machtclique, wofür letztlich jedes Mittel recht und billig sei.
Nein! Und nochmals nein! Diese Verleumdung aber ging dem alten Mann zu weit! Er legte die Zeitung beiseite und dachte an sein Holzkästchen. Wenn das so gescheit ist wie es sich gibt, dann wüsste es sicher auch Bescheid über die wahren Absichten der Regierenden. Es würde ihm ganz bestimmt die ehrenhafte Sorge bestätigen, die Repräsentanten des US-Kongresses für die Sicherheit ihres Landes hegen. Beherzt stellte er die Schatulle vor sich auf den Tisch und äußerte die Bitte, ihm seine beklemmende Frage zu beantworten. Dann hob er neugierig den Deckel und die Stimme sagte:
»Nun gut, – von den über fünfhundert Repräsentanten des Volkes, das sei statistisch richtig,
würden 29 des Ehebruchs bezichtigt.
Und so viele landeten im Knast:
7 wegen Betrugs
3 wegen schwerer Körperverletzung
14 wegen Drogendelikten
8 wegen Ladendiebstahl
und Folgende tragen andere Last:
19 Anklagen wegen ungedeckter Schecks
71 ihrer Zunft erhalten keine Kreditkarten,
zu schlecht die Schufa- bzw. Bankauskunft.
117 waren direkt oder indirekt in Konkursen verstrickt –
von mindestens zwei Unternehmen! Das ist ja verrückt!
Ganz und gar nicht ohne Tadel seien weitere behaftet:
84 wurden im Vorjahr wegen Alkohol am Steuer verhaftet.
Und nicht zuletzt sei angesagt,
dass 21 momentan in Gerichtsprozessen angeklagt.

Also, wenn du die Wahrheit willst erforschen, bedenk'' des Wahrheitsbaumes faule Äste und die morschen!«
Danach schwieg die Stimme. Der Mann fasste sich ein Herz und fragte nach:
»Woher willst du das wissen? Ich kann das nicht glauben!« Aus dem Kästchen lachte es heraus und die Stimme entgegnete:
»Jemand tat es sich erlauben, dies ins Internet zu pferchen.
Brauchst es nicht zu glauben, du lebst ja nur im Märchen!«
Wochen gingen ins Land und der Alte war misstrauisch, gar mürrisch geworden, unzufrieden darüber, fortan nur noch schlechte Nachrichten zu erkennen, wohin er auch seine Aufmerksamkeit richtete. Wie er so eingesunken dasaß und grübelte, hörte er hinter sich die vertraute Stimme:
»Mitten im alten Europa, in einer Stadt – durchströmt von Flüssen, die schwarz, grün und blau – dort, am Ende der Herbstgasse, wohnt eine alte Frau, die das Kästchen der guten Botschaft hat.«
Als er dies vernommen, war er fest dazu entschlossen, die Frau aufzusuchen, um das Kästchen mit ihr zu tauschen. Nach allerlei Herumfragen war diese Stadt ausfindig gemacht und sogleich war ein Flug nach München gebucht. Von dort reiste der Mann guter Dinge in die Dreiflüssestadt Passau.
Die Frau indessen schien ihn bereits zu erwarten, denn gleich fragte sie, ob er denn sein Kästchen zum Tausch mitgebracht hätte? Als er dies bejahte und es aus seiner Reisetasche hervorholte, verschwand die Frau für einen Augenblick und kam mit einem Kästchen zurück, das dem des Alten glich und äußerlich in nichts zu unterscheiden war.
Wie aber könnte er sicher gehen, dass dieses fremde gute Stück auch tatsächlich zu sprechen imstande wäre und das ausschließlich im positiven Sinne? Wollte er wissen. Da lachte die listige Frau und meinte, sie könnten ja beide Wunderkisten auf die Probe stellen. Sogleich holte sie ein Glas aus dem Küchenschrank und füllte es am Hahn zur Hälfte mit Wasser. Dann stellte sie das Glas vor das Kästchen des Mannes und sprach, während sie den Deckel aufmachte:
»Was du siehst, das sage mir!« Sofort meldete sich klar und deutlich die vertraute Stimme:
»Das ist nicht schwer, das Glas ist schon halb leer!« Aufgeregt fasste der Alte das Glas, stellte es vor das Kästchen der Frau und gab den Befehl:
»Was du siehst, das sage mir!«, sofort hob er hastig den Deckel an und prompt war zu vernehmen:
»Das ist ja toll! Das Glas ist noch halb voll!« Der Mann hatte große Mühe seine Begeisterung zu verbergen und sagte der Frau, dass diese Botschaft, na ja, doch recht simpel sei. Schnell aber waren die beiden handelseinig und innerlich triumphierend verließ der Amerikaner die Stadt, das Land und flog zurück über den Atlantik in die Metropole der Neuen Welt.
Aber bereits im Flugzeug sah er Bilder, die damals um die Welt gegangen sind: die explodierenden großen Vögel in den Türmen des Word Trade Centers. Und als er daheim den Vorhang aufzog, war freie Sicht und in der Tiefe lag Ground Zero mit dem Schutt eines babylonischen Bauwerks, das zerstört ward. Diesmal nicht deswegen, wie in der Bibel zu lesen, weil sich die Leute nicht mehr verstehen konnten, sondern weil sich die Menschen nicht mehr verstehen wollten.
In der Tat, Unverständnis ist ein kurzer Weg zum Hass, und die Gründe zur Böswilligkeit finden sich leicht auf dieser Strecke.
In größter Verzweiflung besann sich der alte Mann auf seinen neuen Zauberkasten, der ihm gerade jetzt Trost spenden könnte. Hoffnungsvoll klappte er den Deckel hoch und erschrak zutiefst:
»Das ist ja toll, das Glas ist noch halb voll!« Und jedes Mal, wenn er den Deckel des Kästchens anhob, immer kam der gleiche Spruch. Entweder gab es keine handfesten positiven Aussichten oder das Kästchen hatte einfach nichts anderes im Kasten, wer weiß das schon? Über diesen Zustand war der kauzige Alte schließlich so erbost, dass er das Kästchen zu Boden warf und mit den Füßen zerstampfte.
Doch wer sich einmal für das Positive entschieden hat, der sollte es auch ertragen und so führt der Papagei die Rede fort und plappert oftmals am Tage und manchmal sogar in der Nacht:
»Das ist ja toll, das Glas ist noch halb voll!«
Dabei verstrich die Zeit und nacheinander erfüllten sich auch die Prophezeiungen jenes unscheinbaren Holzkästchens, welches er einmal besessen hatte und das jetzt im alten Europa, in einer uralten Kommode seinen Platz gefunden hatte, mit all den negativen Befürchtungen.
Eines aber ist schon merkwürdig: Sowie der Alte sein Kästchen zerstört hatte, blieb auch der Zwilling stumm. Die Botschaften aber bleiben. Gutes und Schlechtes scheint eben mehr zu verbinden, als man meinen möchte.
Am Ende saß der alte Mann zwischen aufgestapelten Dollarscheinen, für die es aber nicht mehr viel zu kaufen gab. Er war jetzt so arm, dass seine Einrichtung vollkommen zu ihm passte. Weil er seine Miete nicht mehr bezahlen konnte, zog er sich zurück in die Berge, woher er einst gekommen war. Da lebt er nun abgeschieden, armselig und mit sehr gemischten Gefühlen bis an sein Ende.

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