Das Hirnstübchen
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Wien, Stadt meiner geraubten Träume

Wien, Stadt meiner geraubten Träume

Es soll überhaupt nicht die Rede sein von den Prachtbauten, Denkmälern, den Sehenswürdigkeiten dieser Stadt und folglich auch nicht vom Stephansdom, dem Prater oder Wienerwald. Das alles ist ja schon beeindruckend aber nicht unser Thema.
Auch der Wiener Schmäh ist es nicht. Ein verlottertes »küss’ die Hand, gnädige Frau« - was einer Dame vielleicht schmeichelnd, dem Manne aber eher schleimend und speichelnd vorkommen könnte, spielt hier ebenso wenig eine Rolle.
Ach ja, die unsterbliche Wiener Musik? Auch die nicht! Weder Kaiserwalzer noch der alte Kaiser Franz mit seiner Sissi. Und Schönbrunn? - die Oper? - das Burgtheater? Nichts von alledem! Oder doch? - mit einer einzigen Ausnahme - wir werden ja sehen.

Es war sehr heiß an diesem Tage. Heiß wie in der Wüste Gobi und bei den Tieren, die ausgestopft zu zig Hunderten herumstanden, teils vor mir, zum untersagten Anfassen, teils in den Vitrinen, roch es unaussprechlich unangenehm. Nach Formaldehyd? Chemiker müsste man sein.
Erst bei den Sauriern atmete ich wieder kräftig durch. Bei denen war außer Knochen nichts mehr übrig geblieben und alte Knochen stinken nicht. Ein haushohes Gerippe ragte mit langen Halswirbeln bis zur Decke dieses überdimensionalen Raumes im Naturhistorischen Museum. Sein noch längerer Schwanz zog sich, gut verdrahtet, durch die Länge des Saales. Auf den Hinterbeinen hockend, die Ärmchen artig empor gehoben, mit mächtigen Greifern, könnte der Kleine Panik erzeugen, stünde der jetzt lebend da, sinnierte ich. Ach was, der war doch bestimmt nur ein Pflanzenfresser, dem schmeckte kein Fleisch!
Alle ganz Großen sind doch harmlos: Wale - sie schlucken tonnenweise winziges Plankton. Was ist das übrigens für ein Zeug? Gibt’s das im Supermarkt? Das sollte man aber schleunigst in Dosen abfüllen, wenn derart Nahrhaftes, womit Wale so stramm wachsen können, nicht im Handel sein sollte!
Elefanten gehören auch zu den Großen. Solche sind bekanntlich in Indien zu harmlosen Reittieren mutiert, und auch sie fressen nur Pflanzen.
Lästig sind die Kleinen! Stechmücken, Wanzen, Zecken - die saufen Blut. Und am gefährlichsten sind kleine Menschen, die sich für Große halten. Diese Allesfresser, welche sich nicht scheuen blutige Kriege gegen Artgenossen zu führen! Ohne Skrupel auch mit Massenvernichtungswaffen, doch nicht um die toten Opfer zu fressen, so groß ist ja der Magen dieser Ungeheuer nicht. Nein, nur so eben! Klammer auf: wirtschaftliche und machtpolitische Interessen! Klammer zu.
Das hat jetzt aber mit Wien gar nichts zu tun, oder umschweifiger gesagt: Es hat mit Wien soviel zu tun, wie mit jeder beliebigen anderen Stadt in der größenwahnsinnige Menschen leben, lebten und noch leben werden.

Abgefüllt bis zum Rand mit leicht flüchtiger tiergeschichtlicher Information und benebelt von widerwärtiger Geruchsempfindung stapfe ich treppab ins hitzeflimmernde Freie hinaus.
Schwitzend - in der Tram, an der Halteschlaufe hängend, werde ich in den Randbezirk Wiens gerüttelt. Vorbei an einer halben Stadt, die sich entzweigeschnitten zeigt, da sie vom Fensterrahmen nach oben hin abgeschottet ist. Einem wilden Fahrer schaue ich über den Kopf, hinab auf die hin und herspringenden gleißenden Schienen. Lächle, wenn er wütend aufmault und seine Bimmel erbarmungslos in die lahmen Autos auf den Kreuzungen hineinfährt. Es ist das saure Lächeln eines Autofahrers, der momentan fremd fährt.
Während des langen Fußmarsches ins Quartier haben sich bereits viele Gedanken und Empfindungen des Tages ätherisch verflüchtigt oder sind ins Unbewusste abgetaucht. Stattdessen füllt sich der Hirnkasten stetig mit nebulösem Gerümpel. Aufgelesen von Werbeplakaten, Straßenschildern, Schlagzeilen, und weiß der Himmel, was sonst noch alles. Sogar die Bildnisse auffälliger Passanten werden im Vorbeigehen eingesackt, mit ihrer vergrämten oder abgefahrenen Mimik.
Bis heute unvergesslich ist mir das total betrunkene Weib vor dem Springbrunnen, das mit Obst nach verdatterten Fußgängern warf und ihnen unflätigst hinterher schrie. Gilt es als Entschuldigung, weil sie eine ältere Zigeunerin war? Was hat sie wohl erleben müssen, dass es soweit mir ihr kam? Diese Frage stellte ich mir glücklicherweise nach längerem Grübeln.
Die schwüle Hitze verdrängt jede Kreativität einer Zuordnung, und so senkt sich alles Wahrgenommene als unappetitlicher Bodensatz auf den Grund des inneren Schweinehundes.
Giftig geworden betrete ich die ersten Stufen, die zur Wohnung im mehrstöckigen Hause führen. Ums Haus herum, erstarrter Schrecken im Karree. Entworfen von schwindeligen Karussellarchitekten. Nach seiner Vollendung war das Projekt gewiss ruckzuck entzaubert durch seinen grauenvollen Widerhall des Innenhofes mit den grauen, eintönigen, ja bösenwillig wirkenden Fassaden.
Nach stundenlangem Fernsehstress mit beiläufiger Verköstigung stellte sich eine Verschlimmerung der Stimmung ein und elendig übelgelaunt, als wäre ich von den Flimmermännern betrogen und massakriert worden, ebenso wie die halbseidenen Akteure ... - jetzt aber ein Punkt. Aber genau mit einem solchen Nervenkostüm lege ich mich unters offene Fenster ins fremde Bett.

Irgendwann stehe ich in sattem hohem Gras auf einer Lichtung, beäugt aus reizvollem Auge. Über den Schachtelpalmen fliegen sperrige Tuchsegler, die mit jedem Flügelschlag dumpf aufknallen. Mein Gegenüber erhebt ihr Köpfchen und kommt mir sehr, sehr nahe. Ihre attraktiven Beine ragen wie zwei Brückenpfeiler auf und tänzeln im Halbkreis um mich herum. Mir ist wabbelig zumute: Saurus, was begehrtst du mehr?
Doch plötzlich durchströmt mein Wohlsein ein abgrundtiefer Schmerz: Ein unaufhaltbarer Schrei zwängt sich in alle Fugen meines Daseins, entwickelt sich immer mehr zu einem Geplärre, das mich unsanft aus der Urzeit roh in die Gegenwart zwingt und aus tiefem Schlafe hochfahren lässt: Um null Uhr dreißig greint das Kind widerhallend aus dem Innenhof herein zu mir, an mein Bett, in mein Ohr, raubt meinen Urzeittraum - in einem Wiener Bezirk!
Was schreit denn da und greint zugleich, in charmantem Wiener Dialekt, das kleine Mädchen?
»I bin so allane!« Was ist’s? Heftiger geht es kaum, selten so etwas gehört! Immer lauter wird das Gebrüll und ringsum herrscht Dunkelheit, die aus den Fenstern schaut, und Schweigen. Was soll man dazu noch sagen, nach einer Stunde zornigem, hysterischem Geschrei? Böse Augen werden jetzt die Runde in der Lärmzone machen und giftige Zungen werden flüstern:
»Eine solche Unverschämtheit! So ein Fratz!« Oder so Ähnliches jedenfalls.
Längst habe ich es kapiert:
»Ich bin so alleine ...« schreit der Balg! Bin ich es etwa nicht? Alle sind allane, wenn sie schlafen wollen. Nach weiteren dreißig Minuten Nervenqual passiert es dann. Mir reißt der Geduldsfaden.
Ich trete aus mir heraus, steige aus dem Bett, knipse das Licht an, gehe ans Fenster und während ich in die Nacht rufe, erschrecke ich an meiner eigenen kleinen Stimme, die hier so mächtig zur Wirkung kommt:
»Mäderl, komm’ doch ans Fenster ...« locke ich mit erzwungener Freundlichkeit den Schreihals an. Vereinzelt werden Fensterhöhlen erhellt. Endlich einer, der sich was zu sagen traut, hier. Ich habe stille Zuschauer, die sich neugierig auf die Brüstungen stützen, andere, die man im Dunkel stehend ahnen kann.
Das Geschrei ist augenblicklich verstummt, und ein fragendes, unsicheres Ja? ... wimmert vom dritten Stockwerk des Seitenflügels herüber. Ich sehe den Kopf mit etwas Schulter über dem Sims.
Es ist der Feind, ein Feindbild, wie es der Soldat im Schützengraben vor sich hat. Der ist bereit darauf zu schießen, ich auch. Also rufe ich so freundlich wie ich es kann hinüber:
»Lass' dich doch sehen - steig aufs Fenstersims!« Kurz war die Kleine ins Dunkel getaucht, hatte wohl einen Stuhl herangezogen und steigt auf die Brüstung. Da steht sie im hellen Nachthemd aufrecht im Fenster.
»Jetzt spring hinaus - dann bis bei den Engerln und nimmer allane!«
Wilder Beifall aus den öden Fensterhöhlen begleitete den Sturz in die Tiefe meiner grauenvollen Vorstellung.
Was mag wohl aus dem Wiener Maderl geworden sein, jetzt als junge Frau? Wird sie ihre Einsamkeit überwunden haben? Oder nimmt sie Pharmakon? Hat sie ein kleines Kind: Lässt sie es unbewusst an ihrer erlittenen Einsamkeit teilhaben, indem sie vielleicht abends ausgeht und das Kleine zu Hause lässt? So wie es ihr damals in ihrer eigenen Kindheit widerfahren ist, wo sie selbst in drei aufeinander folgenden Nächten aus Furcht und Panik in die Nacht gebrüllt hatte und kein Mensch sich getraute, in den Innenhof zu rufen:
»Lass' dich sehen - komm’ ans Fenster!«
Die Nachbarn stellten sich alle wie tot und waren also Grund genug zum Fürchten! Mit giftigen Gedanken aber wälzten sie sich in den Betten und warfen böse Blicke auf die Zifferblätter Ihrer Bewährungszeitmesser. Wie werde ich damit fertig? Wie kann jemand anders damit fertigwerden?
Viele Fragen und wenige Antworten sind das schwere Los der Menschheit. Und natürlich hat auch all dieses mit Wien so gut wie nichts zu tun, solange Menschen auch in anderen Orten auf der Welt leben, lebten und noch leben werden.

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