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Skalar Napoleon und die Eierfrau

Scalar Napoleon und die Eierfrau

Tun wir uns doch keinen Zwang an: Bleiben wir allgemein verständlich, laienhaft gewissermaßen, wenn wir unter Wasser gehen und über Fische sprechen. Zuvor sollte ich noch eine Begründung liefern, weshalb ich die Leser da mit reinziehe.

Meine Frau hatte mich immer häufiger mit der Entscheidung konfrontiert: Standuhr oder kleines Schränkchen, irgendwas Hübsches, das dieses meterbreite Mauerstück nahe dem Essplatz noch gut vertragen könne.
„Mensch, schau mal“, rief ich meiner Gattin zu, als wir gerade von den Standuhren kommend im obersten Stock des Warenhauses durch die Abteilung sausten.
„Das Sechseck dort, das würde sich doch gut machen, obwohl ...“ Sie bremste ab und nahm sich das Möbel vor, fand es ebenso formschön wie farblich passend und der Preis war um fünfzig Prozent reduziert aber immer noch üppig für ein Fischhaus. Zugegeben, es war ein schönes! Stilmöbel! Nussbaum mit Zierleisten, ein seltenes Sechseck-Hochformat-Aquarium, mit Beleuchtung und integriertem Unterschrank, praktisch!
„Also, was ist?“
„Na ja, wenn du dich um die Fische kümmerst, mir soll’s recht sein.“
Fische? Ja, natürlich würde ich das hinkriegen, die machen wenigsten keinen Dreck und ruhig sind die auch!
So also kam einer, der Fische nicht einmal zum Essen gerne hat und keine Ahnung vom Drumherum der Fischhaltung und nie im Traum an ein Warmwasseraquarium dachte, zu einem solchen.
Längst stand die leere Fischvitrine an ihrem Platz, während ich noch Trockenübungen in den Fischabteilungen durchzog. Informationsaustausch mit Aquarianern, Fachleuten, Fischexperten. Da war ich aber verwirrt, wie widersprüchlich bereits die fundamentalen Meinungen auseinander liefen!
„Zuerst das Wasser, klar - dann, nach drei Wochen die Fische rein, und unbedingt die Mittel nicht vergessen!“, riet der eine.
„Das Wasser rein, die Fische im Luftbeutel rein, nach einer halben Stunde Fische mit Luftbeutelwasser rein. Das ist ganz wichtig, damit die Organismen das neue Wasser impfen können!“ Gefragt danach, was er von einer sichereren Wartezeit über drei Wochen hielte.
„Das ist Quatsch!“ So ist das mit den Experten.
„Wann bringst du endlich die Einrichtung? Den Sand und die Wurzel, von der du gesprochen hast?“ fragte drängend meine Frau.
„Ich bin noch nicht soweit. Weißt du, es ist alles komplizierter als ich dachte. Welcher Sand? Welche Pflanzen? Wie pflanzen - mit Erdballen? Die Filtergeschichte - und erst die Fische! Da fängt’s ja erst an! Woher soll ich nur die Zeit nehmen?“ Darauf musste ich mir anhören, dass ich das Aquarium doch unbedingt haben wollte und jetzt müsse ich mich eben auch darum kümmern! So einfach sei das.

Nach und nach hatte ich mir den theoretischen Unterbau zusammengefragt und kam schließlich mit einer Teilmöblierung fürs Fischehaus zurück.
Zuerst kam ein Sack - haha, kein Sand! Der mache sich gerne auf die Socken, wenn man den Fischabort am Boden mit dem Schlauch absaugt. Besser sei Kies, das habe ich befolgt. Ich kaufte teures Grobsandiges oder fein Kiesiges, wenn man so will, eben Spezialkies. Gelblich mit quarzigem Anteil und einem Schuss Buntkies, rot, grün, schwarz.
Eingeschüttet - vorne flach, nach hinten ansteigend, wie beim Landschaftsbau. Mittig draufgestellt, eine prächtige Schauwurzel mit zwei ausgreifenden Enden, als wolle sie sich künftig die Fische greifen, keilförmig aufragend bis unter die Wasseroberfläche. Auch so etwas ist nicht billig, wie überhaupt gar nichts billig ist, wenn man einmal seinen Geldbeutel geöffnet hat.
Wenn jemand glaubt, er könne mir Vorhaltungen machen, weil ich keine einheimische Wurzel aus dem Wald geholt hatte und teures Geld für eine wasserfertige Schauwurzel ausgab, dem sage ich jetzt aber auf den Kopf zu: Ich habe das natürlich zuerst versucht! Sie schwamm wochenlang obenauf in der Badewanne, und wie oft ich das braune Teewasser gewechselt habe, weiß ich nicht mehr.
„Unsere Wurzeln haben sich das Schwimmen abgewöhnt“, zerstreute der Verkäufer meine Zweifel, die ja durch gemachte Erfahrung berechtigt waren.
Es ging mir damals so wie in Kindertagen, als ich für ein großes Marmeladeglas ordinären Bausand waschen wollte, damit ich einen selbst gefangenen Bachfisch im Glas auch noch sehen konnte. Mit welcher Ausdauer ich wusch und wusch und immer wieder vergeblich das Wasser wechselte, so viel Geduld hat kein normaler Mensch!

Wo waren wir? Bei der Einrichtung: Es mussten einige flache, schwarze Schieferplatten fächerförmig ausgelegt werden. Daneben poröses Vulkangestein, aufgebaut aus etlichen Brocken zu kleinen Versteckhöhlen. Die Fische sollten sich doch wohlfühlen.
Im Vordergrund, der eingebuddelte smaragdgrüne exotische Stein, welcher daumenbreit aus dem golden schimmernden Kies hervorlugte. Vorne Wasserpflanzen, aussehend wie knackiger Feldsalat und die aufstrebende Wurzel bis auf halbe Höhe begleitend, ein schlankes, elegantes lilienblättriges Gewächs. Darüber freies Wasser für freie Fische. Sarkastisch, finden Sie? Hm - freie Fahrt für frei Bürger? Sind wir denn frei? Frei ist nur der Geist, und das auch nicht überall.
Schon an der vorherigen Beschreibung wird jedem klar, wie sehr doch eine noble Einrichtung nach attraktiven Bewohnern schreit. Ein Standardfisch kommt in einem Salon einfach nicht zu Geltung. Aber da gibt es ein Problem.
Weil die meisten Aquarien querformatig sind, fühlen sich längliche Fische dort wie zu Hause.
Aber wie ist das in einem Hochformat-Aquarium mit querformatigen Tieren? Irgendwie musste das Problem gelöst werden, indem ich nach runden, beziehungsweise quadratischen Fischen Ausschau hielt. Bis ich wie elektrisiert vor hochformatigen Skalaren stand, die handflächengroß mit ihren riesigen beiden Stoßstangen - leider fehlt mir die fachmännische Bezeichnung dafür - majestätisch, würdevoll an mir vorüberzogen. Wäre ich noch ein kleiner Bengel gewesen, hätte ich mich jetzt gewiss an den Kasten gehängt und gezahnt: „Die will ich aber haben ...“

Schließlich kam im Laufe der nächsten Monate eine ansehnliche Gesellschaft in der Fischvilla zusammen. Halt, vom eingefüllten Wasser war noch nicht die Rede, es sei aber der Vollständigkeit wegen für gründlichere Naturen erwähnt. Wasser - Fische im Luftbeutel - nach dreißig Minuten - fertig!
Einer der ersten Bewohner war Napoleon. Ein schwarzer Skalar mit wenigen weißen Flecken. Er kam selbstverständlich nicht im Luftsack als Napoleon ins jungfräuliche Wasser, sondern er bekam seinen Namen erst viel später aufgrund seines Verhaltens, seiner Eigenarten. Eine Herrschernatur war der, ungeduldig, jähzornig und souverän gegenüber seinen Artgenossen.
Unser Globus, welcher mit ihm ins Wasser flutschte, war der größte, ein Koloss. Kniff man die Augen zusammen und hatte etwas Fantasie, sah man die Kontinente an seinen Flanken. Dieser Fisch strotzte vor Neutralität. Er stand über den Dingen und mischte sich selten ein, wenn Zoff angesagt war. Ganz anders die Eierfrau. Diese Dame war ungewöhnlich engagiert und darüber hinaus auch sehr schön, makellos ihr schwarzgestreifter Silberleib. Napoleon war ihr ergebener Diener bei der Eierverteidigung, wenn die übrigen Neidhammel daherschwammen um sich den künftigen Nachwuchs zu schnappen. Zu solchem kam es leider nie!
Keinesfalls darf der Däumling unerwähnt bleiben, ein scheuer und ziemlich feiger Zeitgenosse. Kein Wunder, er war der kleinste Skalar und wurde von jedem zusammengestaucht, der ihm in die Quere schwamm. Doch auch er war eine Persönlichkeit, Komödiant noch dazu.
Somit sind die Skalare abgehandelt. Es folgen noch unsere beiden Haie im Zigarrenformat. Keine Angst, es waren Haibarben, Dummerchen, stumpfsinnige Hin- und Herschwimmer, taten so, als wären sie alleine auf der Welt und reagierten nicht im Mindesten auf uns, wenn wir Signale durchs Glas sandten, zum Beispiel mit gefletschten Zähnen klapperten. Ganz im Gegensatz zu den Skalaren, die auf Fingerzeig an die Scheibe kamen und neugierig herausäugten.
Meine Stoßstangen-Imitation mittels nach unten gekrümmtem Zeige- und Mittelfinger, auffordernd bewegt, ließ einen Napoleon Kampfhaltung einnehmen und seine Schwerter aggressiv zucken, um mir zu zeigen, wo der Bartel den Most holt. Ach, oder heißt es, wer hier den Bartel den Most holt.
Beim Schreiben merkt man erst, was für ein Stuss doch in Umlauf ist und welchen man selbst verzapft.

Zur weiteren Bestandsaufnahme gehört auch unser Schwarm ovaler Sträflinge, quicklebendige Sumatrabarben, in ihrer schwarzgelbgestreiften Montur mit den lustigen roten Bauchflossen. Flink, wie Vögel flogen, Pardon, flitzten sie im Schwarm durchs Wasser, hatten keinen Respekt vor irgendetwas. Gerne gingen sie neckisch den großen Seglern an die Flossen und zupften daran, um diese zu nerven.
Auch bei Fischen sieht man genau, wie es ihnen Spaß macht, andere zu ärgern.
Zu guter Letzt, um die Aufzählung endlich abzuschließen, sei ein Corridorasmelanistus erwähnt. Mich durchfährt ein Ruck des Erstaunens als ich das Wort niederschreibe, verblüfft darüber, wie es solange in meinem Gedächtnis haften konnte.
Es muss an seinem großen Saugmaul liegen, mit dem sich dieser Geselle aber auch überall anhaftet, sogar in mein Gedächtnis. Ob ich seinen Namen richtig geschrieben habe, weiß ich nicht. Im Duden oder Lexikon war er nicht auffindbar und Fischbücher habe ich längst nicht mehr.
Jedenfalls ist er nützlich, da er das Haus in Ordnung hält, Scheiben putzt, den Boden säubert. Sonst fiel er nur auf, wenn er plötzlich, gut getarnt, von der braunen Wurzel aus dem Nichts aufstob und den ungefassten Zuschauer erschreckte.

Anfangs saßen meine Frau und ich häufig vor dem neonlichtdurchfluteten Aquarium, in welchem feine Luftbläschen zwischen den Fischen als Silberbällchen zur Wasseroberfläche sprangen. Aus dem Unterschrank drang ein behagliches Brummen der Pumpe.
Unser Sohn, selbst Fisch, hatte an solcher Beschaulichkeit nur wenig Interesse. Er spielte über unseren Köpfen Klavier in seinem Zimmer. Uns aber machte Fischesehen eben Spaß. Das Fernsehen hatten wir uns für einige Zeit dadurch abgewöhnt und gar nicht vermisst.Die obligatorische Futterschau mit bunten papierdünnen Flocken aus der Dose brachte immer Leben in die Bude. Während die flinken Barben das Absinken des Mannas, das vom Himmel fiel, nicht abwarten konnten und raketenartig nach oben schossen, schnappten die Skalare gelassen erst zu, wenn der Braten vor ihrem Maul schwamm. Ein Putzerfisch allerdings zieht es vor, sich Abgesunkenes reinzuziehen.
Wenn unsereiner statt der langweiligen Kartoffeln mit Grünzeug ein Pfeffersteak oder der süße Typ - seinen Rahmstrudel auf dem Teller sieht, strafft sich das Rückgrat. Solches ist auch bei Fischen zu beobachten, wenn sie abweichend vom alltäglichen Futtertrott gelegentlich Lebendfutter, zum Beispiel ihre Leibspeise, ein Knäuel roter Würmchen aufgetischt bekommen - brr. Den langstieligen schönen Wurmlöffel hat meine Frau leider nicht fortgeworfen. Er befindet sich, wohl tausende Male peinlichst gewaschen, im Besteckfach.
Ob man es mir glaubt oder nicht: Mich graust es nach zwanzig Jahren noch immer davor, einen dieser vier Löffel für tiefgründige Leckereien zu benutzen; es könnte ja der Wurmlöffel sein ...
Bei der Wurmfütterung spielten sich allerhand spannende Szenen ab. Zwei Skalare, die ihre Kraft maßen und sich verhielten, wie Seilzieher, den Wurm im Maule, ausdauernd zogen und das gute Stück schließlich zerrissen. Der Putzer bekam ein großes Knäuel unter seine Flossenfittiche, hockte sich mit seinem riesigen Sauger darauf und verteidigte seine Beute ganz besessen vor jedermann, solcher versuchte, ein schlingerndes Wurmende zu ergattern.
Das Spiel des Besitzers mit den Habenwollern schien ihm rechtschaffen Freude zu bereiten, denn soweit ich sehen konnte, mochte er selbst seinen Schatz nicht anrühren, was ich dem Putzer durchaus nachfühlen konnte. Nach vielleicht einer halben Stunde Theaterspiel hatte er keine Lust mehr, hob ab und überlies die geballte Ladung den anderen.
In den Haibarben aber glaubte ich tatsächlich die aggressive Verwandtschaft ihrer Namensvettern gespürt zu haben, wenn sie jetzt auf einmal zu Pfeilen geworden waren und zu Bestien für die armen Würmchen, maßstabsmäßig betrachtet.
Soweit Teil eins der Geschichte. Doch was jetzt an Enthüllung folgt, ist etwas so unsäglich Dummes und Abgefahrenes von mir, dass ich allergrößte Bedenken vor der Niederschrift habe und Angst davor, man könnte mich für verrückt erklären. Es stellt garantiert vieles in den Schatten, was es Seltsames aus der Aquaristik zu berichten gibt.
Für die hoffentlich wenigen Leser und Leserinnen, die Trost suchen, weil sie womöglich glauben manchmal selbst nicht mehr bei Trost zu sein - denen kann geholfen werden: Sie sind nicht allein! Ihnen sei das Folgende gewidmet.

Wieder einmal war die missliebige Arbeit der Stallreinigung getan. Ein Nachmittag war damit draufgegangen, bis alles wieder im nunmehr kristallklaren Wasser optimal zu Geltung kam, die kräftigen Farben der Fische und das leuchtende Grün der Blätter. Wohlgelaunt setzte ich mich nun in die Ecke und gönnte mir ein kühles Weißbier.
Ein großer Wasserwechsel veränderte die Fische in ihrem Verhalten ungemein. Je älter das Wasser, umso träger und schwerfälliger wurden die Fische. Im Frischwasser fühlten sie sich neugeboren, gar übermütig schwammen sie herum. Etwas ähnlich Befreiendes hatte der Wechsel für sie, wie der einsetzende Gewitterregen, lang ersehnt nach großer Trockenheit für eine danach lechzende Erde mit all ihren Pflanzen. Ebenso auch bei mir, kaum hatte ich mein Glas Weißbier getrunken verlangte mir nach einem weiteren, was ich mir unverzüglich genehmigte und damit neben meine Frau rückte, die seit kurzer Zeit das saubere Aquarium genoss.
Immer ärgerlicher wurde schließlich ihre Miene.
„Was fehlt dir denn?“ fragte ich sie teilnahmsvoll und in bester Geberlaune.
„Ach schau doch nur, wie sie wieder den Däumling drangsalieren!“
„Komm rauf Däumling, du brauchst jetzt einen Schluck“, sagte ich beim Aufstehen und zeigte ihn mit dem Finger, wo es langgeht. Tatsächlich schwamm der Kluge nach oben und ehe sich meine Frau umsah, bekam Däumling den versprochenen kräftigen Schluck Weißbier durch das Futterloch des Abdeckglases gespuckt.
Um den Fisch herum flimmerte es im Wasser, man sah, wie sich das Bier von dort langsam verbreitete.
„Ja, bist du verrückt geworden?“ lachte mein Nebenan auf. „Du kannst den Fischen doch kein Bier geben,“ sagte sie vorwurfsvoll mit abgewürgtem Lachen.
„Aber ja, doch - schau, der hat es schon!“ Däumling wollte sich in den eigenen Schwanz beißen, drehte sich torkelnd im Kreis herum, dabei sprang er schier um die eigene Achse. Ein besoffener Fisch! Und wie rekordverdächtig schnell er das schaffte! Wer sonst hat solches Verhalten bei Skalaren beobachtet?
Die Artgenossen aber zogen sich instinktiv immer mehr von dem verrückt Gewordenen zurück. Der aber hatte sich Mut angesoffen und schwamm schnurstracks auf Napoleon zu, seinem Beherrscher. Ein ungewöhnliches Bild bot sich unseren Augen: Däumling, der Kleine war wütend! Er schnappte nach Napoleons Stoßstange! Sodass dieser in geduckter Haltung - Hofknicks heißt das bei uns - rückwärts schwamm. Andere Fische, die sich in die Nähe der beiden wagten, jagte Däumling blitzartig quer durchs Gehäuse, um sich sofort wieder dem Herrscher zu widmen.
Da war doch eine Rechnung offen, aber einhundertprozentig! Däumling fuhr jetzt von oben kommend auf den großen Napoleon herab und zwar so hartnäckig und knüppeldick drohend, bis der Boss flach unter ihm auf den Kies lag. Uns Zuschauern hatte es die Sprache verschlagen, das war einfach unglaublich, was wir da geboten bekamen. In jenen Minuten war Däumling, der Schwache, zum unumschränkten Herrscher des Fischpalastes geworden, mit einer Machtfülle, an die sich selbst ein Napoleon hätte nicht erinnern können.
Schnell, wie der Verwandlungsspuk begonnen hatte, so schnell war er auch verflogen. In der Tat, Fische sind erstaunlich flott wieder nüchtern! Schon nach zehn Minuten schwamm alles wieder seinen gewohnten Gang. So ein Unsinn, werden sie bei dieser Formulierung denken. Nur, wie sagt man das besser?
Napoleon hatte sich rasch gefangen, als er sah, wie Däumling für ihn wieder normal, also scheu geworden war. Sofort verlangte er Satisfaktion, Genugtuung für die erlittene Schmach und Däumling musste, flach wie eine Flunder, auf dem Kies liegend, ausgiebig Abbitte leisten. Von den übrigen Gedemütigten wurde er dabei angeschwommen und durfte mit ansehen, wie sie ihm nicht halfen, sondern die kalte Schulter zeigten, indem sie sich ruckartig abwandten und vermutlich hämisch lachend in die obere Etage aufstiegen. Da ging es ja zu wie bei den Menschen. Jawohl, genauso! Das war ja das Schockierende: Fische sind auch nicht besser!
Wer aber anderen ins Wasser spuckt, bekommt vielleicht - und in diesem Fall ist es absolut zutreffend - reichlich Gelegenheit zu Reue und Sühne.

Es begann damit, als ich anderntags das Wohnzimmer betrat, kein vertrautes Pumpengeräusch zu hören. Pumpe kaputt! - verdammt! Aber im Unterschrank zirpte es noch - vielleicht hängt sie nur, mal nachsehen.
Wie gestern, beim großen Wasserwechsel, begann ich wieder mit dem Ritual der Absperrhähne und Schläuche. Die Schläuche liefen unsichtbar verlegt in der hohlen Holzrückwand des Beckens. Sie musste ich zuerst herausfummeln. Dann kam die Pumpen-Filtereinheit ans Tageslicht. Die gestern frisch eingesetzte Filterwatte guckte bereits wieder verferkelt durchs grüne Filterglas. Als ich den geöffneten Behältertopf schräg über den Eimer hielt, flutschte die sonst festsitzende Watte wie ein Pfropfen heraus, gefolgt von einem abscheulichen, gallertartigen Schleim, den ich Glibber nannte. Weltraumglibber, von unbekannten Intelligenzen auf unbekannte Weise ins Aquarium geschafft?
Nein! Es war nur ein Erzeugnis der Weißbierhefe. Bah, da möchte einer glatt aufs Bier verzichten, wem schon einmal Glibber durch die Hände geglitten ist. Mit dieser Menge Material wäre sogar eine Gruselfilmproduktion ausgekommen.
Es half nichts, die Schläuche und die Filterapparatur mussten gereinigt werden und als ich damit fertig war, hatte ich Durst bekommen, mir ein Glas Weißbier eingeschenkt und auf den Glibber gepfiffen.
Keine zwei Tage vergingen und ich musste mich erneut fragen: Pumpe kaputt? Man kann es sich denken: Zum zweiten Mal säuberte ich Schlauch und Filter, diesmal aber gründlichst mit heißem Wasser. Weil aber alle guten Dinge drei sind und es sich mit den schlechten Dingen ebenso verhält, musste auch ich diese Erfahrung dank der Hefebakterien im Wasser machen, die sich unaufhaltsam immer wieder in Glibber verwandelten.
Jetzt half nur eine Totalrenovierung der Fischvilla. Der Geldbeutel wurde geöffnet und vieles neu beschafft. Schläuche, Ventile, Spezialkies, Pflanzen. Die Fische nicht! Sie fing ich mit dem Netz heraus und ließ sie in vortemperierten Wassereimern, später noch in der Badewanne lange Zeit herumschwimmen, ehe sie wieder ihre frisch renovierte Villa beschwimmen konnten.
Von da an war ich nie wieder mit Weißbier in der Hand in Nähe des Aquariums auffällig geworden.
Als diese Geschichte meine Frau gelesen hatte, meinte sie vorwurfsvoll:
„Wie kannst du Napoleons Tod vergessen! Und wie die Eierfrau darüber getrauert hat?“
„Du meine Güte! Das ist doch keine Trauerstory! Wo denn soll ich das noch reinquetschen? Nirgends geht das, siehst du!“ versuchte ich mich zu drücken.
„Dummmerle, schreib’ es doch ans Ende, wo es hingehört; der Tod kommt immer zum Schluss!“ Was sollte ich also tun? Gegen diese Logik ist kein Kraut gewachsen, deshalb wenden wir uns schleunigst Napoleons Untergang zu.
Immer gnädiger war er geworden, der große Schwarze! In Wahrheit wird ihn die Kraft entfleucht sein, um sein strenges Regime machtvoll aufrechtzuerhalten.
Verstöße gegen seinen Rang ließ er immer häufiger durchgehen, und er wurde schließlich zum Fisch unter Fischen. Seine Gattin, die Eierfrau, litt sehr darunter, wie ihr Gemahl an Bedeutung verlor, und sie versuchte den Respektverlust auszugleichen, indem sie selbst fehlenden Respekt von den Artgenossen einforderte. Fuchsteufelswild wurde sie, wagte es einer, Napoleon dumm zu kommen.Die an sich kräftigen, dunklen Streifen ihres tadellosen Fischleibes waren deutlich dunkler geworden und schienen das Schwarz aufzusaugen, welches Napoleon sinngemäß an Schwäche abgab.
Still war es um den geworden. Als sei er bestellt und nicht abgeholt, stand er oft den halben Tag lang regungslos an der gleichen Stelle, seinen neuen Lieblingsplatz, unten, im Schatten der Wurzel. Einen solchen Ort hatte er früher taktisch gemieden und lieber das helle Licht in den oberen Regionen bevorzugt, wo er als Feldherr stand und den Überblick über seine Untertanen behielt. Dort sah man jetzt auffallend häufig die Herrschergattin patrouillieren. Sie, in ihrer neuen Rolle, weiterhin als Eierfrau zu titulieren, kam uns auf einmal dümmlich vor, sodass wir sie fortan respektvoll Matrone nannten.
Eines Morgens schwammen die Fische unruhiger umher als sonst - Napoleon war tot! Er lag flach gestreckt auf dem Kiesgrund. Merkwürdig jene Trostlosigkeit, die er ausstrahlte. Um den Toten herum schwankte eine farblose Matrone. Nicht in tiefschwarzen Streifen zeigte sich ihr Trauergewand, sie trug fahle, transparente Blässe. Als sei sie ohne Halt, schwamm sie eigentümlich ruckartig, stockend und schräg im Wasser, ab und zu die Schlagseite wechselnd.
Auch nachdem der tote Fisch entfernt war, hatte Matrone wohl reichlich eine Woche getrauert. In dieser Zeit rührte sie kein Futter an und war auch nicht an Würmern interessiert, mit denen erfahrungsgemäß sonst schnell ein Leid zu kurieren war. Dem Beispiel ihres Mannes folgend, stand sie sehr oft an dessen Schattenplatz, angelehnt an die Wurzel und machte einen erbarmungswürdigen Eindruck auf die Reingucker. Keine Reaktion war ihr zu entlocken, wenn aufmunternde Versuche hinter der Glasscheibe abliefen.
Den übrigen Fischen ging der Tod ihres Fürsten nicht nahe, sie ließen jedoch Matrone in Ruhe und gewährten ihr wenigstens die ungestörte Trauer. Wahrscheinlich stand Matrone bereits auf jener Schwelle, die Napoleon überschritten hatte. Sie aber wäre nicht Matrone gewesen, hätte sie dort nicht abrupt kehrt gemacht und sich mit letzter vitaler Kraft zurückgemeldet. Sofort gab es Extraportionen Futter für die Geschwächte!
Mit jedem Tag nahm nun die Intensität der dunklen Streifen auf ihrem Körper zu und gleichzeitig der Machtanspruch ans Fischvolk, den sie von Napoleon geerbt zu haben schien.
So war aus der Eierfrau die Matrone geworden, die unumschränkte Herrscherin unseres Aquariums.
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