Das Hirnstübchen
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Prost Mahlzeit!

(Ausschnitt)
...Wollen wir uns jetzt einer besonderen Spezialität des Hauses zuwenden: dem weißen und dem roten Presssack. Über beide Sorten herrschte Einigkeit. Es ist uns gleichgültig gewesen, welche Farbe er hatte, uns grauste einfach davor. Sein Erscheinen im 14-Tage-Zyklus hatte uns dann eines Tages soweit gebracht, dieses wüste Exemplar zu bestreiken. Unberührt blieben die Bremsgummis, wie man sie verächtlich nannte, auf den Platten liegen, was zu einer kolossalen Aufregung im Reich der Küche führte. An jenem Abend hatte unser Streik Erfolg, die Bremsgummis wurden zähneknirschend von den Küchengeistern abserviert. Für uns war damit klar: Nie wieder wird es diesen verhassten Presssack geben. Wir hatten aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn am folgenden Abend beehrte uns Herr Pater Direktor höchstpersönlich mit seiner Anwesenheit im Speisesaal. Allerdings hatten wir den Presssack schon vergessen und doch ahnten wir Schlimmes. Einige mutmaßten, es komme wahrscheinlich ein neuer Prototyp von Fraß auf den Tisch und der Chef möchte ihn persönlich magengängig machen, das heißt, ihn mit seiner Autorität bei uns durchdrücken. Weit gefehlt, es wurde lediglich der Presssack von gestern serviert und uns fielen vor Entzücken die Kinnladen auf die Brust.
Nach dem Tischgebet ging der Chef auf seinen knarzenden Schuhsohlen und mit federnden Schritten, die Hände auf dem Rücken, eine Zeit lang hin und her. Im Saal hörte man die Schüler atmen, so respektvoll still war es und nur das rasselnde Geräusch der Bestecke schuf die Illusion, inmitten einer hungrigen Gesellschaft zu sitzen.
Tatsächlich war uns der Hunger vergangen und mit allerlei Umständlichkeit versuchten die Schlemmer diesen Moment hinauszuzögern, bis sie zwangsläufig den Presssack unters Messer nehmen sollten. Unser Chef hielt plötzlich inne, kippte, wie es seine Art war, den Körper noch einige Male vor und zurück, brachte seine Hände nach vorne und faltete sie über den Bauch. Dann warf er seinen Kopf zurück, dass sich der Nacken zu Schwülsten rollte und seine goldgefasste Brille funkelte gemeinsam mit dem goldenen Eckzahn für alle weithin sichtbar.
»Lange genug habe ich zugesehen«, donnerte er.
»Es ist sündhaft, mit welcher Niedertracht ihr Gottes Gaben verschmäht. Ich wünsche nicht, dass ihr Zeiten erleben müsst, in denen ihr nach einer Speise wie dieser betteln würdet. Ich erwarte, dass ein jeder seinen Teller geziemend leert!« Und mit einem orkanartigen Aufschwung brüllte er:
»Bevor das nicht geschehen ist, verlässt niemand diesen Saal!« Seine Stimme hatte sich überschlagen. Jetzt siegte bei den meisten die Tapferkeit. Verbissen säbelten sie den Bremsgummi zurecht und würgten die Brocken hinunter. Dabei blieb so manchem Gourmet der Bissen buchstäblich im Halse stecken, denn schließlich hatte die solidarische Abneigung gegen den Presssack und der nun unerbittlich ausgeübte Esszwang eine regelrechte Massenhysterie erzeugt, wobei sich eigentümliche Szenen an den Tischen boten und sehr unappetitliche Geräusche die Runde machten.
Pater Direktor sagte nach einer Weile, dass alle gehen dürften, die ordentlich aufgegessen hätten. Dort stand er, der Gefürchtete und die Ersten strebten auf die Saaltüre zu, wo sie einen strengen Seitenblick des Chefs ertragen mussten. Ich verließ mit den ersten Tapferen den Saal und trug den Bremsgummi im Taschentuch eingewickelt in der Hosentasche. Was hatte ich für ein Glück! Der nun einsetzende Andrang auf die Saaltüre ließ den Chef Verdacht schöpfen und so ließ er sich vom Nächstbesten die umgekrempelten Hosentaschen zeigen.
Dann knallten saftige Ohrfeigen und das Häuflein der Wartenden schmolz beträchtlich dahin, denn die Idee, das leckere Ding in der Hosentasche zu schmuggeln, hatten viele. Sie kehrten verstohlen auf ihre Plätze zurück und nur ganz wenige hatten dann noch die Standfestigkeit, an ihr Schmugglerglück zu glauben. Dabei war einmal dieser Glückspilz, der sich seiner Bundhose besann und auf das Drängen seiner verzagten Tischnachbarn so viele Bremsgummis rings um seine beide Hosenbünde verstaute, dass er kaum noch unauffällig laufen konnte. Seinem Spießrutenlauf drückten die Dankbaren beide Daumen, und er schaffte es! Ein Kreativer verdankte der praktischen Form des Presssackes seine Erleuchtung. Kurz entschlossen zog er die Schuhe aus, legte zwei Bremsgummis an die Fersen und stieg kräftig wieder hinein. Mit federnden Schritten gelang ihm die Flucht. Einen Nachteil aber hatte der Presssack-Schmuggel: Alle Toiletten kamen in einen widerlichen Zustand, weil die Bremsgummis dutzendweise den Wasserablauf der sanitären Einrichtungen im ganzen Gebäude blockierten.

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