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Klitzekleine Ungeheuer

Mühsam war sein Leben nie gewesen. Und auch in den Kreisen, in denen er verkehrte, ließe sich schwerlich jemand finden, auf den dies nicht zuträfe. Wie leichtfüßige Windhunde laufen die Tage, Monate, Jahre und Dekaden dahin, ohne nennenswerte Aufregungen oder Beschwernisse. Solches Geschick scheint aus ganz besonderem Garn gewoben. Ein Fremder, der solchen Stoff gründlich prüft, kann nur verwundert über dessen Beschaffenheit sein: Exotisch schön, bunt, auch pflegeleicht, haltbar, gar reißfest und üppig fällt das sonderbare Tuch vom Ballen.
Wie ärmlich kleidet den Fremden dagegen sein eigener Stoff. Er möchte sich am liebsten einige Wicklungen am Querfaden abreißen, würde seinen tristen, ausgeblichenen, abgewetzten Lebensanzug gerne dafür fortwerfen und sich vom begehrten Stoff ein neues Gewand schneidern lassen. Doch nicht einen Faden kann er an sich bringen, zu vermessen erscheint es ihm, etwas haben zu wollen, was es nicht gibt? Nicht für ihn gibt! Für die Anderen schon, die besitzen wohl einen Anspruch darauf, denkt er gehässig. Wer hat, dem wird gegeben – ihm, dem Fremden, wird genommen. Seine Bitterkeit bekommt ihn nicht, denn er verliert ständig und jetzt schon wieder, sobald er darüber nachgrübelt. Er kann nicht sagen, was er verliert, aber irgendwas wird von der nagenden Bitterkeit maßlos aufgefressen. Ein schönes Stück, ein Filetstück seiner Persönlichkeit, seiner Ideale, des Sinnes für Gerechtigkeit und auch vom darüber wabernden Glauben daran, wer weiß, was sonst. Diese Köstlichkeit erfährt im Gedärm des Neides die Verdauung und wird wertlos ausgeschieden. Dann ist sie einfach weg, der Fremde fühlt sich um etwas gebracht. Von wem? Einem Phantom? Sind es klitzekleine Ungeheuer? Oder demütigt und schlägt ihn der unsichtbare Auspeitscher? Hat der Quälgeist eine Form, ein Gesicht – oder schlüpft er nur in andere Menschen und agiert von dort aus, gegen ihn? Kurz erwägt er die Möglichkeit, er selbst könnte die Hülle sein, in die der Auspeitscher einfährt, um ihn zu quälen. Fremde Mächte könnten dem Quälgeist befohlen haben, ihm Verluste zuzufügen und in Unzufriedenheit von innen her zu ersäufen. Er ist aber schnell der Meinung, jene Kräfte wirkten von außen auf ihn ein – durch die Anderen! Aber – mit Verlaub – dass er sein eigener Auspeitscher sein könnte, darüber kann er nur verbittert auflachen. Das wäre ja noch schöner, was für ein Dummkopf, der sich selber die Schläge gibt!
Was der Auspeitscher nicht schafft, erledigt seiner Vorstellung nach diskret eine andere geheimnisvolle Instanz und denkt er an sie, bleibt sein Nacken starr aber seine Augäpfel richten sich unwillkürlich nach oben zur Decke, wenn er sich in seinem unwohnlichen Zimmer befindet oder im Freien in den blauen Himmelsdunst. Da ist aber nichts und so zieht es ihm vorwurfsvoll, ob dieser feigen, nicht zu fassenden Vermeintlichkeit, verächtlich die Mundwinkel nach unten. Der unsichtbare Gegner quält den Fremden noch stärker als seine Bitternis gegen die Menschen, die ihn langsam aber stetig mit Haut und Haaren aufzufressen droht. Dessen Name aber schreibt sich mit zittriger Schrift in seinem Gehirn dauerhaft in allen Windungen fort: ein großes G – ein O – ein zweifaches T. Ihm gilt seine eigentliche Klage, die den Fremden inwendig aufbrüllen lässt. Manches Mal in kaskadenartigen Vorwürfen; ein andermal nur mit einem einzigen quälenden Aufschrei: WARUM? Warum ist ihm das Glück versagt? Warum lenkt die Fügung, die Vorsehung andauernd gegen ihn, auf ihn zu, überfährt ihn, macht ihn platt? So unsäglich platt! Der Zufall trifft immer ins Schwarze, zu seinem Pech! Ja, ein Pechvogel, das war er von jeher. Von Anfang an ist er bestraft und schmerzhaft an den Ohren gezogen worden, von diesem großen G. Er verwendet in seinen Selbstgesprächen nur diesen Buchstaben, mehr traut er sich nicht zu. Seine Angst sitzt tief und er fürchtet, ihm könnte noch mehr Pech übergeschüttet werden, würde er die Instanz beim Namen nennen. So rumort nur wortlose, dumpfe Wut, die gelegentlich zur Zimmerdecke oder in den Himmel springt.

Der Fremde ist vergrämt und voll von angestauter Aggression. Er will auch nicht mehr lachen, weil er nicht mehr kann – oder kann er nicht mehr lachen, weil er nicht mehr will? Einerlei, es kommt aufs Gleiche raus. Wenn der Fremde durch die Straßen der Stadt geht, begegnet er ständig seinesgleichen, aber da er Auge und Ohr nur in sich selbst richtet, hinein in die finstere Modergrube und dies ebenso seine verwandten Spiegelbilder tun, an denen er achtlos vorbeiläuft, schleppt er bleischwere Einsamkeit mit in seine Wohnung heim und dünkt sich von allen guten Geistern verlassen. Nur jene sind ihm wieder aufgefallen, die das sinnlich unbeschwerte Lebenstuch tragen, das er ihnen von Herzen neidet. Jedoch: Das Glück beachtet das Unglück nicht. Dem Fremden aber kommt es vor, als hätten die Beneideten wieder etwas von seinen letzten Reserven aufgesogen, sodass er sich zu Hause erschöpft in den Sessel fallen lässt und zur Decke stiert.
Die lästige Stubenfliege holt ihn schließlich aus einem tiefen Kehrichteimer unrätiger Grübeleien zurück. Er greift sich den Pantoffel und zerschlägt die Mücke an der Wand. Unerklärlich ist ihm die leise Genugtuung, welche er hernach verspürt. Er hat von G was ausradiert – war es das? Mag sein. Oder befriedigt ihn die unterschwellige Freude an einer Machtausübung, nichts Geringeres, als Herr über Leben und Tod zu sein. Ein Lächeln huscht bei diesem Gedanken über sein Gesicht. Auch allen Unterdrückern und Mördern rund um den Globus dürfte diese abscheuliche Genugtuung nicht wesensfremd sein. Nun, auch das mag sein. Eigentlich sind das doch Geschöpfe, die sich in ihr inneres Verlies eigenhändig eingesperrt haben und die folglich überhaupt nichts über andere zu bestimmen haben, ohne sich lächerlich zu machen. Tun sie es doch, mag es eine Narretei des Lebens sein, oder was sonst? Unerklärliches Verhalten entschuldigt nicht, es genügt dem Urteil, wie es ist.

Der Fremde beschloss, nun beinahe am Ende seiner Seelenkräfte und bevor alles zu spät ist, sich in die Höhle des Löwen zu begeben. Er, der jenes reizvolle exotische Stöffchen ungemein begehrte, aber Personen, die sich damit kleideten und blicken ließen, zugleich mied, wie der Teufel das Weihwasser, jawohl! – er sah sich schlicht dazu verdammt, in diesem schäbigen Seelenkostüm herumlaufen zu müssen. Also buchte er kurzerhand, aus purer Verzweiflung, eine teuere aber gerade noch erschwingliche Flugreise ans ägäische Mittelmeer. In einem türkischen Hotel der gehobenen Klasse inmitten einer atemberaubenden Kulisse in den Bergen; übrigens nahe dem berühmten Traumstrand, bezog er sein komfortables Quartier. Er nahm sich vor, dabei zu sein, sich auch einmal in den Kreisen dieser Anderen zu bewegen, sie zu beobachten – o G! – vielleicht mit denen ins Gespräch zu kommen, zumindest von ihnen zu lernen. Die – das waren doch seine Auspeitscher! Welch ungeheuerer Mut hatte sich da in ihm aufgebaut! Nun saß der neue Gast am luxuriösen Pool, bestellte sich ein »EFES Pilsen« – wobei ihm die türkischen Markenrechte insgeheim zu schaffen machten, was das tschechische Pilsen betrifft – und beobachtete neugierig seine ungewohnte Umgebung. Früh am Morgen war noch nicht viel Betrieb am Pool und nur wenige der Liegen mit ihren beigestellten dunkelgrünen Sonnenschirmen waren belegt. Der vorzüglichste Platz allerdings, unter einer Schatten spendenden Piniengruppe, war als einziges Revier schon mit vier großen herrschaftlich wirkenden Badetüchern reserviert. Dunkles Blau, strukturierte Webung, königliches Kronendesign. Nur einige freie Liegenpaare weiter saß jetzt der Fremde und versuchte, den Reservierungsanspruch der Abwesenden innerlich herunterzuspielen. Schließlich wollte er guten Willens sein, wollte als Gerechtigkeit haschendes Lämmchen endlich mit den skrupellosen Wölfen heulen. Tierische Skrupellosigkeit, davon war er zutiefst überzeugt, die besaßen seine Auspeitscher im Übermaß.
Aus dem Säulengang, hinter dem Wasserfall des Pools, der aus aus einer weiteren höher gelegenen Beckenanlage herabfiel, löste sich eine mächtige Gestalt und wogte gemächlich, mit der Gestik eines soeben geehrten Preiscatchers, den Pool entlang, direkt auf ihn zu. Die goldene Rollexuhr und eine massive Halskette verloren sofort ihre provozierende Wirkung, als der Dicke den Fremden wohlwollend zugenickt hatte und dann zu seinen reservierten Liegen ging. Das Lämmchen heulte vor Freude auf. Der Dicke hat es nicht erkannt, hält es für einen Wolf! Großartig ist es hier, freut sich der Fremde.
Der Koloss hatte durch seinen Gruß hohen Kredit eingeräumt bekommen, den er sogleich in Anspruch nahm. Er hantierte gerade mit den großen unhandlichen Schaumstoffpolstern, beanspruchte jeweils zwei für eine Liege und breitete auf die nun gut gepolsterten beiden Liegen Badetücher aus. Um seinen Platzanspruch auszudehnen, stellte er auf die polsterlose Liege die Badetasche, die andere zog er wie ein unartiges Kind über die Cottofliesen nach hinten, an der Dusche vorbei und schubste sie auf die ungenützte Grünfläche dahinter, als sei das Kind nun ausgestoßen. Soll sie doch der Gimpel holen, wenn ihm die Liege etwas pfeift, mag er sich dabei gedacht haben. Einen der raren Plastikstühle schleppte er sich von der gegenüberliegenden Beckenseite heran, markierte ihn zu guter Letzt mit dem übrigen Badetuch, und nach einigen sparsamen allseitigen Herrschaftsgesten, ließ sich der wuchtige Kahlkopf aufs weiche Poster in seinem Reich nieder. Noch ehe der sprachlose Zuschauer sich über die Darbietung analytische Gedanken machen konnte, auch nicht das verständnislose Kopfschütteln der noch wenigen Anwesenden bemerkt hatte, schritt eine majestätische Erscheinung gemessenen Schrittes in allerbester Haltung, steif wie eine Königin, daher. Spätes Mittelalter, doch jünger als der Dicke, dunkelblondes Haar, gepflegte Frisur, etwas rundlich, goldbehangen und mit großen Schneidezähnen huldvoll aber grell, immerdar lächelnd.

Der Fremde fühlte sich elektrisiert, als er das Paar, die blanke Ausgeburt seiner Neurose, beinahe in Reichweite neben sich wusste, denn was sollte das Lämmlein jetzt seinen Wölfen Schönes sagen? Anfangs zögerlich – schließlich, er begann und gewann! Zum ersten Male nach schier unendlich langer Zeit floß ihm mit jedem Satz, den er mit seinen Auspeitschern wechselte, frische Energie spürbar zu, anstatt, wie er es gewohnt war, etwas abgeben oder einbüßen zu müssen. Der moralische Kredit wurde im Grunde nun gar nicht mehr beansprucht, weil dem Fremden der unverschämte Egoismus dieser Person insgeheim imponierte, ja unerklärlicher Weise, sogar mit jeder weiteren Anstößigkeit in Sympathie umschlug. Das Lämmchen wäre zu einer derartig zur Schau gestellten Selbstsucht niemals imstande, wenigstens nicht vor allen Leuten. Eigentlich – ja, genau, das ist doch der vorteilhafte Stoff, dachte er sich, den ich mir schon längst hätte umhängen sollen, und warum in drei Teufelsnamen kann ich mir nicht nehmen, was ich will? Es geht doch ganz einfach, wie man sieht. Die Fliege klatschen, solange sie stillsitzt! Von den Auspeitschern lernen, was Sache ist – werde wie sie! Nimm! – nimm, was du willst! – nimm es dir einfach, ohne Rücksicht! Egal, was andere denken, das schert dich einen Dreck...
Der Fremde lag mit geschlossenen Augen auf seiner Liege und war beim Nachsinnen über den rabiaten Schwenk in seiner Lebensplanung eingenickt.

Zuerst waren da lauter kleine dunkle Flecken. Sie schwammen als Schatten auf einer glasigen Brühe. Darunter verbargen sich zierliche Nixen, weibliche Formen, winzige Mündchen, die herauslachten, wenn die Flecken sich bewegten und den Blick freigaben. Alles war sehr niedlich, nur unerreichbar klein. Die Schatten kamen vom Fremden, der sich neugierig über diese Magie gebeugt hatte und weil er sich dabei aufzulösen begann, in allerlei winzige Stücke Sehnsüchte, vermehrten, wuchsen die Schatten und verdeckten die Begehrlichkeiten in der Brühe. Da wurde er wütend und packte mit großer Gier die schwere Silberschale, in der sich seine geheimen Wünsche tummelten, und trank sie in einem Zuge leer.
»Wenn ich euch nicht bekomme, so sollt auch ihr nicht sein«, sprach's und wischte sich den Mund. Auf einmal war es ihm so wohl. Deren Rache sollte es ihm zuckersüß heimzahlen. Der Zaubertrank veränderte ihn. Er war plötzlich ein Anderer geworden, einer von denen, die er insgeheim beneidet hatte. Auch er konnte jetzt Frauen um den Finger wickeln, soviel er wollte und sooft er wollte, darüber war er sich jetzt bewusst und das tat er fortan.
Seine Fantasie erschuf ihm das Milieu, wie er es sich nur wünschte. Er lebte auf großem Fuße dank des riesigen Vermögens, bar aller Sorgen und verbrachte die Zeit mit Verführung und Sex. In seinem Kopf, wäre der durchsichtig, hätte man ganz gewiss den Inhalt jener Silberschale schweben sehen: Frauenbrüste, Genitalien, Nacktheiten – sonst nichts. Seine Gier nach Sex trieb ihn zu immer größerer Leistung und sein Zulauf war enorm. Hinter vorgehaltener Hand flüsterten die bedienten Damen ihren Freundinnen wärmste Empfehlungen. Er kann immer – eine Sexmaschine – ein Nimmersatt – so wollte er sich sehen und so war es allemal. Irgendwelche Bindungen, feste Beziehungen – meine Güte! – am Ende noch Liebe? – solches kam dem Dauerbrenner nicht in den Sinn. Schon beim kleinsten Umgarnungsversuch pflegte er nach Gutsherrnart zu verfahren, warf die Zicke einfach raus. Seinen Ruf schadete das in keiner Weise, ganz im Gegenteil! Einige der hörigen Damen schienen es zu genießen, von ihm gedemütigt zu werden. Wie sonst ist es erklärlich, wenn sie gerne wieder zur Stelle waren, nachdem sie kurz zuvor unsanft hinausgetreten wurden. Am Sex alleine kann das kaum gelegen haben, denn einfühlsam war der Sexprotz nicht und rücksichtsvoll schon gar nicht. Ist Abartigkeit ansteckend? Wie Cholera, die Pest? Vielleicht – wer kann sich da sicher sein?
Weder Verschleiß noch ein Nachlassen der Manneskraft ließ jene Welt zu, in die der Fremde geraten war und so wucherte das Verlangen nach immer neuen Sexabenteuern, wie außer Kontrolle geratenes Unkraut. Die Wesen der Brühe leisteten ihren Dienst, verzauberten seine Gedankenwelt immer unbändiger.
Als er eines Tages mit einer Schönen zu Gange war, verfärbte sich das Rosa ihrer Haut hin zu einem zarten Pastellgrün, welches immer kräftiger wurde. Gleichzeitig veränderte sich der Körper; er zog sich im Bereich der unteren Gliedmaßen zusammen, verschmolz zu einem Nixenschwanz. Als der ekstatische Fremde die Schuppenhaut fühlte, war es bereits zu spät. Anstatt der Arme, die ihn umfingen – sie waren verschwunden – umklammerten plötzlich zwei kräftige Krallenklauen seinen Kopf, welche sich explosionsartig aus dem Hinterhaupt der Schönen entwickelt hatten. Mit gewaltiger Kraft schlossen sie sich und quetschten mühelos, als wäre der Schädel nur Eierschale, den Inhalt heraus.
Ein irrwitziger Aufschrei sollte widerhallen in den Wänden, doch nur erstaunte Stille blieb.
Die Vorgänge im Fremden waren deshalb so seltsam, weil er aufhörte, Mensch zu sein. Um ihn herum war es stockfinster, dennoch wusste er, dass sein Inventar, sein Haus verschwunden war und auch jenes Wesen, das ihm in diese Lage gebracht haben mochte.
Nur eine Ebene lag unter ihm, die noch Halt gab. Auf ihr rann die Brühe aus seinem Kopf und er erkannte, was es ist. Anderes war nicht vorhanden, als seine Begierden. Die Flüssigkeit aber verbog die Ebene zuerst trichterförmig, dann schließlich zu einem Zylinder. Kein Sterblicher wird sagen können, welche Gesetzmäßigkeiten die Ebene verformten. Das Gewicht der Brühe oder die Schwerkraft der Gedanken oder war es ein zufälliger Eindruck? Auch vermöchte niemand zu ermessen, in welchem Ausmaß das Loch entstand, ob sein Durchmesser zwei Millimeter, zwei Meter oder gar zwei Kilometer betrug, da nichts sonst war, was einen Vergleich hätte bieten können.
Der Fremde aber fand sich im kreisrunden Loch eingepasst, gleich einem ungeheueren Kolben, der sich langsam durch den Zylinder schob. Sonst war nichts an ihm und in ihm waren nur die lüsternen Sinne, welche gleichsam millionenfachen Augen entlang der Wandung auf und ab fuhren. Dort aber klebten ringsum, wie die Fladen im lehmigen Erdofen, riesenhaft und zweidimensional ausgewalzt und ineinander übergehend, die Begehrlichkeiten aus der Silberschale, welche er einst gierig geleert hatte. Sein einziger Sinn danach erzeugte mit steigender Geschwindigkeit des Kolbens, der im Sinnentaumel hell aufglühte, eine unbeherrschbare Ekstase. Dann – wie ein Kanonenschuss – entlud sie sich in völlige Nüchternheit und nach einem Lichtblitz, der die Sinne blendete, begann er in sich zu schrumpfen und mit ihm der Zylinder, worin er stak.

Sobald seine Empfindungen wieder reagierten, war die anliegende Röhre nur noch mit geometrischen Zeichen belegt. Derart hervorgehoben, als wären die ursprünglichen Formen abstrahiert und ähnlich einer Fotografie solarisiert worden. Aber nichts Eckiges war enthalten, kein Quadrat, kein Rechteck, dafür Kreise, Wellen oder Bögen, welche regenbogenfarbig aus ihrer hellen Einfassung herausschimmerten.
Der Fremde stürzte wie ein schweres Eisenteil haltlos mit hohem Tempo in die Tiefe des Rohrschachtes ab und schlug nach einer empfundenen Ewigkeit klirrend auf. So etwas Ähnliches wie eine Plattform war das. Es kam ihm vor, als hätte er sich in ein Stahlteil verwandelt und da sein Wahrnehmungssinn noch funktionierte, erkannte er die Schattenseite, auf welcher er sich befand. Unmittelbar daneben grenzte Helligkeit an, welche wie aus einem unendlich hohen Glasprisma strahlte, dessen Seitenkante sich hart vom Dunkelfeld abhob. Blickte er ins Licht, sah er ein Bild lebendig werden, das in seiner Kindheit über seinem Bett gehangen hatte und das man fortwarf, weil es so kitschig und altmodisch gewesen sei, wie Vater das seinerzeit begründete.

Der Fremde erlebte sich am Rande eines wogenden Kornfeldes, spürte den lauen Sommerwind, der über die Ähren strich. An dessen Rain wandelte entspannt ein strahlend schöner, weißgewandeter jugendlicher Mann mit schulterlangem Haar. In der einen Hand eine Ähre haltend und die andere Hand zur fragenden Geste hin zu seinen Begleitern geöffnet. Die trugen farbige Gewänder und folgten in lockerer Weise aber mit nachdenklichen Gesichtern ihren Meister. Der Fremde vernahm deutlich, wie dieser eben die Ernte der Felder mit der Ernte des Lebens verglich und seinen Freunden ihre Aufgabe näher brachte:
»Schaut euch doch um! Überall reifen die Felder heran und sind schon jetzt bereit zur Ernte. Der Erntearbeiter erhält guten Lohn, und die Früchte, die er einsammelt, sind Menschen, die zum ewigen Leben geführt werden. Welche Freude erwartet beide zugleich: den, der pflanzt, und den, der erntet!« (Johannes 4)
Es war genau das Bild, das er gut kannte und das er so oft mit seinen Kinderaugen studiert hatte. Nur, jetzt glaubte er, es in Wirklichkeit zu erleben. Doch schon verblasste das Geschaute und er erkannte den alten blinden Bettler aus seiner Jugendzeit wieder, auf einer Haustreppe sitzend, den sie seinerzeit Schabernack mit Kieselsteinen spielten, anstatt ihm die erbetenen Almosen in seinen verschlissenen Hut zu werfen. Verdutzt sah der Fremde den Weißgewandeten von eben, wie der sich herunterbeugte und den Bettler aufrichtete, ihn stützte und mit ihm fortging.

Aus dem gleißenden Licht drang intensiv gefühlte Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, auch tiefe Zuneigung war überwältigend zu spüren. Zu sehen waren jetzt nur Hände – helfende Hände, die sich anboten – Hände, die etwas gaben – Hände, die sich gegenseitig hielten – Hände, die auf Schultern ruhten – unendlich viele Hände – doch nirgends die geballte Faust und nirgendwo eine Waffe in einer. Wenn Eisen weinen könnte, hierbei kämen dem Element die Tränen, wie der Fremde weinen wollte, könnte er es, so erfasste ihm die Sehnsucht dorthin. Aber er hatte nicht die Gestalt dazu, Dortiges war nicht seinesgleichen und es war nicht sein Ort. Er hielt in sich ja immer noch die Faust geballt, konnte sie nicht öffnen, und wohler wäre es ihm, zu schießen, zu hauen und zu stechen in alles rings um ihn herum, egal auch wer und was es sei. Dabei erlosch ganz allmählich die Wahrnehmung dieser fremden Welt. Das Leuchten ging zurück, ebenso das Bewusstsein. Es blieb nicht einmal mehr, was vorher war, lediglich dumpfe Symbolik, abstrakte Funktion, grenzenlose Mathematik, Nichtverstehen, Fremdheit.
Da lag das Teil. Im dämmrigen Bereich der vermeintlichen Plattform standen reihenweise Geschütze, die drohend ihre Rohre gleichsam als gestreckte Zeigefinger erhoben. Gespenstisch fluoreszierendes Kriegsgerät, Kanonen, Panzer, Mörser aber auch palettenweise Kolben waren da. Kolben für Panzermotoren, Schiffsdiesel, aber auch für jede Art von Pumpen, die mit Kolben arbeiteten.
In düsteren Arealen hockten Kräfte, die einer Beschreibung unzugänglich sind, weil sie von jeher unsichtbar geblieben sind und keine Form haben, die zu benennen wäre. Deswegen bewegte sich das Teil wie von Geisterhand, als die Kräfte tätig wurden und es in die Produktion transportierten. Die Maschinen dort erinnerten alle an das Auf und Nieder – das Hin und Her – ans Spiel des Kolbens im Zylinder. Sie stanzten, schliffen, sägten, nieteten. Doch alles geschah völlig lautlos und ohne sichtbares Personal, denn es waren weder Körper noch Dinge vorhanden, weder Luft noch Schall, der sich darin hätte ausbreiten können. Auch nicht Licht noch Auge, etwas zu sehen, nur der Geist haftete als Bewusstsein an seinen Flüchen hier, an seinen Segnungen dort. Der Fremde dümpelte sinnenleer in sich herum.

Ein schwacher, heller metallischer Klang – ein Zirpen, oder war es ein Schnarren? – etwas kratzt an seiner Lebensfaser, ganz zart. Aus einer anderen Welt glaubt er menschliche Laute zu vernehmen. Brummelt es in ihm? Ist die Lichtseite wieder da? Spricht es aus ihr heraus? Wie er das Wort Schildkröte heraushört, durchzuckt es ihn. Weit zurück in eine unendliche Ferne rennen seine Sinne, um sich die Bedeutung dafür zurückzuerobern. »Schildkröte – was ist Schildkröte?«, schreit er verzweifelt ins Dunkel der Röhre hinauf, aus der er gefallen war. Das Echo hallt tausendfach, stroboskopartig zurück, versetzt ihn in Vibration, schnürt ihm die Kehle. Er glaubt zu ersticken und mit allerletzter Kraft schnappt er nach Luft. Beinahe gleichzeitig wird er hellwach in die Gegenwart geschleudert, ertappt sich bei einem mächtigen Schnarchlaut, wobei ihm die Atemluft mit Gewalt heftig nach innen flattert. Er reißt seinen Oberkörper von der Liege hoch und blinzelt peinlich berührt seine Umgebung ab, ob sich etwa amüsierte Zuhörer von seinem Schnarchsolo zeigen.

Nein, alle stehen um die Schildkröte herum, die aus dem Rasen über die Fliesenabgrenzung geklettert und zur Erfrischung unter die Dusche gekrochen war. Der Fremde ist neugierig, will sehen, was dort geschieht und schlendert wie nebensächlich die paar Schritte dorthin.
Jedes Mal, wenn ein Badegast sich duscht, zieht sie ihren langen faltigen Hals ein und bereitet dem Fremden eine klitzekleine Scham, fährt sie ihn langsam wieder aus. Die umstehenden Damen sind es wohl, die sein Gefühl verstärken. Er hält sie schließlich nicht für so fantasielos, nicht dasselbe Intime zu erblicken, an was er gerade denkt und vermeidet deshalb Blickkontakt mit ihnen.
Wenn niemand duscht, schlürft das Tier, groß wie ein beachtlicher Brotlaib, genüsslich aus den Wasserpfützen und zwar mit einer Ausdauer, die jeden Quartalsäufer beschämen müsste. Allmählich, auch nach ausgiebiger Knipserei, beginnt das Interesse an der Schildkröte zu erlahmen und die Zuschauerrunde löst sich auf. Alleine steht jetzt nur der Fremde, da, beobachtend, wie das Tier beginnt, sich in Richtung des flachen Poolrandes zu schieben. Vorausschauend fragt er sich, ob eine Landschildkröte nicht auch für gewisse Zeit zur Wasserschildkröte werden kann? Was sie macht, wenn sie hineingefallen ist? Ob sie untergeht oder elegant durchs Wasser segelt? Werden die Badegäste im Pool sie nötigenfalls retten, wer sonst? Gewiss wird große Aufregung sein. Er wird jedenfalls kurz weggehen, sie in Ruhe lassen, mal sehen!

Aber erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt. Die Schildkröte legte auf halbem Wege eine kleine Rast ein, machte kehrt und verschwand unter den Büschen, welche die Wiese säumen. Als der Fremde sensationslüstern zurückkehrt, ist die Schildkröte bereits verschwunden. Doch in allerbester Lauflage, mitten im Weg zwischen Dusche und Pool, liegt ein ordentliches Stück Andenken von ihr.
Der Fremde fühlt sich jetzt damit ziemlich allein gelassen, niemand will sich dafür interessieren; auch in einer solchen Situation werden Blickkontakte vermieden, wenngleich aus einem anderen Grund. Nirgends im Nahbereich findet sich ein Opfer, welches augenblicklich, im wahrsten Sinne des Wortes, zu Diensten aufgefordert werden könnte.
Aber ja doch! Nur die Königin strahlt ihn mit ihrem Dauerlächeln und einer unverhohlenen Schadenfreude entgegen, auch der Dicke glotzt ihm frech ins Gesicht, und beide dächten im Traume nicht daran, ihm die Drecksarbeit abzunehmen. Lediglich er, der als Einziger immer noch neben der Kacke steht und auch gewissermaßen nächster Anlieger mit seiner Liege ist, fühlt sich in die Pflicht genommen. Die eingebildete Verantwortung vor den uninteressierten Auspeitschern macht ihm schließlich Beine. Er trollt sich betont lässig auf die Wiese, knipst zwei große feste Blätter vom exotischen Busch ab und macht sich diskret an die Arbeit. Mit dem einen Blatt zwischen Daumen und Zeigefinger hofft er, die Wurst zangenartig greifen zu können. Sie ist weich, sogar noch körperwarm und beim Anheben zäh haftend, klebrig, sodass nur ein geschwinder Untergriff mit dem zweiten Blatt in der Handschale den Erfolg beschert. In beiden Händen die Fracht haltend, trägt er sie mit dem Gefühl, als stächen ihm die Blicke nun ungebremst in den Rücken, an die Entsorgungsstelle unters Gebüsch. Als gründlicher Typ, pflückt er dort noch ein weiteres Blatt zur Nachbesserung, um die letzten Verdauungsreste aufzuwischen. Die Wurst könnte von einem großen Hund stammen, Schäferhund, Boxer oder Ähnliches, denkt er dabei – aber von so einer relativ kleinen Schildkröte, wie denn sowas?

Für gewöhnlich befasst sich der Mensch nur selten mit derartigen Fragen, doch vom Prinzip her tut er dies andauernd. Er spielt nämlich mit solchen Abwägungen: Das gibt's doch nicht, aber... Kann schon sein, doch ... Ist es möglich, dass ... Und so fort.
Man hat es vielleicht bemerkt, gerade ist jemand aus dem Hintergrund dieser absonderlichen Geschichte hervorgetreten. Keine Sorge, er ist weder Auspeitscher, noch Sexmaschine, noch der unbekannte Andere. Aber, was macht er da! Er packt den Fremden am Hemdsärmel – ach, ist der sonnenscheu? – trägt langärmeliges Hemd über der Badehose! – und schleudert ihn in den Pool. Jetzt rennt er zur Königin und zerrt sie an den Haaren dorthin, schubst sie hinein. Der Dicke befindet sich noch in der Phase des Aufstehens, ihm wird nachgeholfen. Steht er endlich, erhält er hinterrücks einen Fußtritt in den Allerwertesten und darf die Königin besuchen. Hinterher fliegen sofort die Liegen der drei, ihre Sonnenschirme, Badetaschen, Handtücher, Brillengestelle und leeren Biergläser. Als der Serviceboy heraneilt, landet auch der im Wasser. Und die Leute sowieso, die jetzt begannen, aufzumucken.

Es ist der Autor, der sich in seiner Erzählung blicken lässt! Er ist so stark, dass niemand ihn bezwingen kann. Er schreibt es nieder und schon fliegen sie alle ins Wasser. Aber, fragt er sich im Sinne jener Abwägung, wie lange kann ich noch weiter den starken Mann spielen, ehe die Leser wütend werden und mich an der Druckseite packen?
Es muss was Neues her! Er könnte beispielsweise behaupten, alles hätte sich im Pool aufgelöst, von der goldenen Panzerkette des Dicken bis zum Sonnenschirm der Königin, alles weg, also nicht mehr vorhanden – bis auf den Fremden. Der könnte dann herausklettern und dienlichst für Weiteres zur Verfügung stehen.
Aber gerade das wäre ein entscheidender Fehler, denn wenn schon, na bitteschön, was soll dann mit ihm geschehen, zumal das Ende nahe ist, fragt sich der Autor abwägend. Einfacher machte er sich die Sache gewiss, riefe er die Königin und den Dicken mit ihren Siebensachen schleunigst wieder zurück. Schließlich sind sie die beiden wahren Figuren und nicht einmal ein Sätze zaubernder Autor sollte sie verschwinden lassen, wenn er verrät, dass es die einzigen Personen seiner Geschichte sind, die er nicht erfunden hat.
Die Einzigen? Was ist mit dem Fremden? Ist der denn so weit hergeholt, dass er nirgendwo, in keine lebende Person hineinpasst? Wenn nicht, dann vielleicht nur ein klitzekleines Stückchen von ihm? Das wäre doch denkbar. Ebenso mag es auch für andere undenkbar sein – na, dann soll der Fremde eben im Pool bleiben und sich auflösen! Letztlich ist das aber gleichgültig!
Unerklärliches Verhalten entschuldigt nicht, es würde dem Urteil genügen, wie es ist, wenn es so wäre, nicht wahr?

Unlektorierte Erstfassung. Alle Rechte: Gerhard Oppel, Montagsdichter

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