Das Hirnstübchen
Startseite
Inhalt
Spruch des Monats
Notiz des Monats
Lesespaß & Denkstoff
Denkertreff
Hilfe zur Selbstbefreiung
Kostenloser Download
Fotokunst - was bist du?
Reise-Impressionen
Hobbymalerei
Gastseite Krippenbastler
Von Privat

Unheimliche Geschenke im freien Fall

Unheimliche Geschenke im freien Fall

In den Nachkriegsjahren hatte es Menschen in unsere Kleinstadt verschlagen, die einem sonst kaum unter die Augen gekommen wären. Da gab es auf einmal Leute, die eine völlig andere Lebensart als unsereins an den Tag legten oder zumindest durch ihre Aussprache auffielen.
An die vielen Flüchtlinge, ausgebombten Großstädter und Ausländer musste man sich erst gewöhnen. Allesamt waren es für den Ansässigen bestaunte Exoten, die der Kriegssturm aus ihrer Heimat gewirbelt und in alle Regionen verstreut hatte. Nun waren sie zwangseinquartiert bei Einheimischen, denen irgendwo noch Platz abgezwackt worden war.
Schräg gegenüber von unserem Geschäftshaus, hinter dem Ludwigsbrunnen, wohnte mein neuer Spielfreund Kurti mit seinem jüngeren Bruder Freddy. Kam ich zu denen in die Wohnung, war ich von ungewohnten Eindrücken überwältigt und ziemlich kleinlaut. Obwohl vieles behelfsmäßig und einfach eingerichtet war, spürte ich dennoch das gewisse Etwas. Zweifellos war das eine kultivierte Familie, die ausschließlich Hochdeutsch sprach, auch Umgangsformen pflegte, die mir völlig neu waren, sodass ich mich schlicht als Derbling fühlte. Es waren Leute, die geistig ungemein beweglich waren, schneller dachten, als sie sprachen, was bei so manchem von uns gerade umgekehrt funktioniert und noch dazu bei langsamerer Sprechweise! Jedes Familienmitglied spielte ein Instrument: Kurti bekam Klavierunterricht von seiner Mutter, Freddy übte täglich mehrere Stunden Geige, der Vater spielte virtuos das Xylofon und kam sogar gelegentlich als Solist über den amerikanischen Rundfunksender.
Ging man zu Tisch, wusch man sich zuvor die Hände, man saß gerade, achtete auf die richtige Fingeranordnung am Besteck, sprach nicht mit vollem Mund. Ach je, war das alles fremd! Auch das Essen selbst fremdelte, obwohl ich es doch kannte: Mohrrüben - Graubrot. Bei uns hieß das anders. War Kurts Vater anwesend, durfte ich schon mal ins abgedunkelte Schlafzimmer huschen, wo dieser in rotes Licht getaucht, hinter einem Tischchen Fotopapier belichtete und in danebenstehenden kleinen Schalen entwickelte.
Ich hatte innerlich jubiliert, als ich sah, wie ganz langsam aus dem Nichts ein Bild ins Papier kroch. Kurti besaß sogar eine Maschine für bewegte Bilder, einen kleinen Kinoprojektor, mit dem er kurze Mickymausfilme hervorkurbelte. Das winzige Bild sprang zwar an der weißen Zimmerwand hin und her, passte aber gut zur zittrigen Bildfolge und den Sprüngen einer schwarzen Katze hinter der armen Maus.
Kaum mehr nachzuvollziehen, wie sehr mich all dieses faszinierte, - auch das seltsame Xylofon mit seinen Holzplättchen und den lustigen Schlägern dazu, mit denen wir uns gegenseitig auf den Kopf schlugen.
Jetzt weiß ich auch, wie mein starkes Interesse an Fotografie zu erklären ist, einem Hobby, das mich bis heute begleitet, auch wenn das Interesse nicht mehr ganz so stark wie früher ist. Der Keim war gewiss in Kurts Wohnung angelegt worden, was erst zwei Jahrzehnte später die zwanghafte Vorstellung erzeugte, einen teuren Fotoapparat kaufen zu müssen.

Unser eigentlicher Spielplatz war jedoch die Straße, ein knapper Bereich um den Ludwigsbrunnen herum, bis hinein in einige schmale Seitengassen dieses Stadtplatzes. Neben dem Brunnen standen damals noch die großen Leiterwagen vom Michelbauern, auf denen wir ausdauernd herumkraxelten. An heißen Tagen sprangen wir in den Brunnen und tollten mit wüstem Geschrei im klaren Wasser herum, ja, wir kletterten sogar in die obere Brunnenschale hinauf, aus der die Säule aufragt, worauf der grünspanige König Ludwig mit Schwert und Schild natürlich auch heute noch steht. Sogar diese verwegene Kletterei wurde von den Erwachsenen ohne Rüge geduldet; nur ein ganz bestimmter, der dicke Polizist, jagte uns da immer heraus. Wenn wir ihn erblickten, kamen wir ihn zuvor und versteckten uns im nahen Kuhstall des Bauern.
Musste dann gegen Abend noch Blindekuh gespielt werden, geschah das meistens, weil Astrid es so wollte. Dieses läppische Abzählspiel mit dem - ene - mene - mei - und du bist frei - fanden wir Männer ja irgendwie blöd, aber die Zeit der verruchten Dämmerung, kurz bevor uns die Heimkehr befohlen war, wiegte alles auf.
Astrid, eine kleine Göre aus Düsseldorf, die es ins Provinznest verschlagen hatte, wohnte in Kurts Nachbarhaus im ersten Stock zur Straßenseite hin. Sie war wunderschön, himmlisch, engelhaft und ich, der Dreikäsehoch, war gewissermaßen platonisch verknallt.
Einmal geschah es, dass ich Astrid zu für mich später Stunde ganz alleine am offenen Fenster antraf. Ihre große Schwester, welche sie erzog, war weggegangen und die Kleine musste brav in der Wohnung bleiben. So alberten wir, wie Romeo und Julia, eine Zeit lang herum; sie am Fenster, ich auf dem Gehsteig unter ihr.
Da raunte sie auf einmal geheimnisvoll, sie würde mir jetzt ein Geschenk machen, ob ich solange warten möchte?
Und ob! Also verschwand sie hinter dem Vorhang und ich vertrat mir derweil die Füße. Da erschien sie wieder im Fenster, deutlich errötend im Gesicht, und streckte ein aus Zeitungen zusammengeschlagenes Päckchen heraus.
Das ließ sie fallen und schon platschte das Geschenk aufs Pflaster. Jetzt war es wie an Weihnachten, wenn ich voller Erwartung und Spannung in die Hocke ging, um die Verpackung zu öffnen. Kann sich jemand mit blühender Fantasie denken, was mir beschert war?
Wau! Mir stockte das Blut in den Adern, und als ich entsetzt nach oben blickte, sah ich sie lachend hinter dem Store verschwinden. Astrid hatte mir frische, dampfende Notdurft zugeworfen!
Ich finde, das ist einmal etwas ganz anderes als der dornige, ewige Rosenzweig, den sich vielleicht ein Romeo, eine Julia zuwirft. Verschämt zog ich vorsichtig mein Präsent die paar Meter hinter das grüne Holztor des nachbarlichen Stadtbauern, welches tagsüber immer sperrangelweit offen stand und durch das allabendlich die heimkehrenden Kühe trotteten. Die aber aber kamen von der entfernten Weide in langer Reihe die Luitpoldstraße heruntergezockelt, und immer scharten sie sich um den Brunnen, nahmen einen kräftigen Schluck, ehe es zur Nachtruhe in die Stallungen ging.
Was ging dem Entdecker wohl durch den Kopf, wenn die Sache beim Torschluss ins Blickfeld gekommen war?
Da hatten aber die grauen Zellen zu tun, denn so leicht erklärlich ist die papierlose Portion auf einer Zeitung hinter dem schmalen Torspalt ja auch wieder nicht.
Weshalb -? Und vor allem wie -?
Das war hier gewiss die Frage.
Damit habe ich bereits eine hervorragende Überleitung zur Paprikagulasch gefunden. Wir werden ja sehen, wie das zusammenhängt ...

Es gibt Menschen, die uns lächerlich vorkommen und solche, die uns ängstigen. Die Paprikagulasch war für mich beides. Ein komisches Monstrum von Weib!
Stammte sie aus Ungarn, wie ihr Spitzname, ihre theatralische Aussprache nahe legte? Man vermutete das. Es ist überhaupt nicht meine Absicht, den lieben Ungarn damit Scham zu bereiten; solche Ausreißer der menschlichen Rasse lassen sich überall finden.
Wenn ich dieser Dame als Kind folgte, dann immer mit respektvollem Abstand, denn wagte es einer von uns, ihr zu nahe zu kommen, womöglich noch mit vorlautem Nachgeäffe, und sie erwischte den, kannte die kein Pardon; sie schlug den Bengel krankenhausreif.
Paprikagulasch war ein wandelnder Koloss, was sowohl ihre Leibesfülle als auch die Körpergröße betraf. Unter einem riesigen, flatternden und offen getragenen, schwarzen Sommermantel schwappelte und wappelte es nur so.
Besonders ihr Hinterteil in der Ausformung zweier fantasievoll angeordneter Kotflügel der fünfziger Jahre, erregte Aufsehen, da diese Formen bei energischem Schritt muskulös in Bewegung gerieten. Wie ich auf Kotflügel komme? Mir schien das Wort nahe liegend. Doch auch zwei rechtwinkelig dekorierte Mühlsteine, wären ein brauchbares Gedankenbild. In kindhafter, naiver Methode versuchte ich mich in der Vorstellung, wie viele Male ich wohl in dieses Körpervolumen reingepasst hätte: Je rechte und linke Backe mit Schenkel bis Zehe - macht zwei.
Einmal quer liegend - Schulter, Arme, bis Fingerspitzen.
Zusammengerollt zwischen Nabel und Riesenbrust - vielleicht eineinhalb Mal. Ergibt zusammen viereinhalb Male!
Viel einfacher ist natürlich die rechnerische Methode, die ich in der Schule noch kennen lernen sollte:
Zirka 90 kg geteilt durch 20 kg ist gleich 4,5-mal. Hm, das könnte also hinkommen!
Wir kamen von der Beschreibung ab. Also, wie gesagt: Energischer Schritt, ein kantiger, wuchtiger Schädel, der eingesunken, im Nacken zwischen hohen Schultern saß. Darauf, über niedriger Stirne, pechschwarzes, glänzendes Haar, das oberhalb der Ohren flach gekämmt in einem Knoten am Hinterkopf endete.
Blickte sie sich unversehens um, sah man in ein strenges, scharf geschnittenes Gesicht mit breiten Kinnladen und schmalen Lippen, in stechende Augen.
Fuhr sie uns aber an, öffnete sich der Mund zu einem verzerrten Rechteck mit blitzenden Silberzähnen darinnen und daraus hervor strömte massiv der penetrante Geruch von Knoblauch, den sie offenbar in großen Mengen verzehrte.
Immer schleppte sie zwei pralle Einkaufstaschen durch die Gegend, und zu jeder Jahreszeit schlurfte sie barfuß in ausgetretenen Lederpantoffeln über das Pflaster.
Alles an ihr war speckig und schlampig, und zu niemandem in der Stadt schien sie Kontakt zu haben.
Eines Tages verdunkelte sich die Eingangstüre des Ledergeschäfts meiner Eltern. Paprikagulasch nahm mit einem Schritt die beiden Stufen und riss die Ladentüre auf. Ihre Taschen scheuerten sich in der Türzarge und wurden unsanft durchgerissen.
Die Präsenz dieser Person war derartig stark, dass Gespräche erstarben, Münder offen standen, wie die Ladentüre, die sie einfach offen stehen ließ.
Meine Mutter zuckte sichtlich zusammen, als Paprikagulasch auf sie zugerudert kam und mit Donnerstimme fragte: „Kann ik bitteschön auf Klosett geh’n?“
Ob jene das leichte, mehr erzwungene Kopfnicken bemerkt hatte, möchte ich bezweifeln. Jedenfalls ließ sie einfach ihre Taschen vor dem Ladentisch zu Boden fallen und folgte ihrem Instinkt, stapfte nach hinten durch den Laden, durchs Büro und verschwand im Hausgang, wo sich das Klo befand. Zu dieser Zeit war das noch ein Plumpsklo.
Für alle, welche solches nicht mehr kennen: ein Holzkasten mit Kreisausschnitt und Holzdeckel, über einer Grube, dem gemauerten Behältnis, das ein bis zwei Male im Jahr durch die Abortmänner geleert wurde. Diese zogen die kurzen Schlauchstücke durch den langen Hausgang, kuppelten sie zusammen und saugten die nasenfeindliche Produktion in ihr Fahrzeug ab.
Das Klo hatte Paprikagulasch in der Tat gefunden, aber das Wichtigste nicht! Denn als das Furcht erregende Weib nach einer Zeit lang wieder nach ihren Taschen im Laden griff und wortlos sich den Weg durch Kunden freirempelte, endlich die Ladentüre offen hinter sich ließ, eilte meine Mutter augenblicklich an den Tatort, um nach dem rechten zu sehen, das Fenster zu öffnen, falls nötig, oder so.
Zurück aber kam meine Mutter mit hochrotem Gesicht, und in heller Aufregung schrie sie zornig:
„Die soll mir noch einmal hereinkommen, diese Sau, dann werfe ich sie raus!“
„Aber Frau Oppel, was ist denn passiert, um Himmels willen?“ fragte die Kundschaft betroffen.
„Die hat einen riesigen Haufen daneben geschissen und ist einfach abgehauen - dieses Schwein!“
Alle Anwesenden heuchelten so gut es eben ging ihre Empörung, waren betroffen, weil Paprikagulasch nicht ins Ziel getroffen.
Innerlich aber, das ist gewiss, werden sie aufgeheult haben wie Werwölfe, vor hämischem Vergnügen.
Einer Paprikagulasch sei aber ins Stammbuch geschrieben:
Es genügt nicht, sich etwas Gutes zu tun, man muss es auch gut machen!

zurück




Sitemap Spruch des Monats Impressum-Datenschutz